Corona in Afrika – nicht das größte Problem

Von Till Wahnbaeck
Juni 1, 2021

Anmerkung: Seit ich diesen Beitrag geschrieben habe, hat sich die Delta Mutante in Uganda und anderen Afrikanischen Ländern ausgebreitet und die Anzahl bestätigter Neuinfektionen ist stark gestiegen. Obwohl die absolute Zahl immer noch moderat ist, ist das Gesundheitssystem teilweise bereits überlastet und die Zahl der an oder mit Corona Gestorbenen steigt stärker als in Ländern mit höheren Impfraten. Die neuen Ausgangsbeschränkungen verstärken allerdings auch die unten beschriebenen Probleme.

Ich ärgere mich mehr und mehr über die Richtung des Diskurses zu Covid-19 in Afrika hier im Globalen Norden. In den Medien (und den meisten Diskussionen) dominieren zwei Sichtweisen: Die eine neigt zu Panik und Dramatik, berichtet von der „grassierenden Ausbreitung“ des Virus in Südafrika und der alarmierenden Unterversorgung mit Impfstoff und Tests auf dem Kontinent. Die andere ist vorgeblich moralisch, spricht über Fairness und über die ungerechte Verteilung der Impfstoffe. Beide Aussagen sind sicherlich richtig: Ja, in den meisten Afrikanischen Ländern wird nicht viel getestet (aber wo getestet wird, wie zum Beispiel in Südafrika, ergibt sich seit Februar eine Inzidenz von weniger als 50). Und ja, die Verfügbarkeit von Impfstoff weltweit ist nicht gleich und gerecht verteilt.

Kundenbesuch in Äthiopien

Beiden Aussagen liegt aber die Annahme zugrunde, dass Corona in Afrika die gleichen dramatischen Auswirkungen hat wie in Europa, Latein Amerika oder Indien. Dieser Eindruck hat sich mir auf meinen letzten Ostafrika Reisen und in Gesprächen mit unzähligen Geschäftspartnern und Freunden nicht bestätigt. Im Umfeld meiner Kontakte ist bisher niemand an Corona gestorben. Allerdings kennen sie viele, die Corona hatten – nur hatten die eine Woche lang weitgehend harmlose Grippe-Symptome und konnten danach wieder zur Arbeit gehen. Verglichen mit Ebola und Malaria sind 7 Tage Husten und Fieber harmlos. Ich bin kein Mediziner, aber es wird schon einen Grund haben, dass Corona in Südafrika die „Krankheit der Reichen“ genannt wird und wir aus Townships, in denen das Virus ausgebrochen ist, nicht die gleichen Bilder sehen wie aus Italien, als die Pandemie dort vor einem Jahr zahlreiche Tote forderte. In Ländern mit einem Durchschnittsalter von unter 20 wie Äthiopien gehen meine Kollegen davon aus, dass viele Corona hatten, ohne es überhaupt zu gemerkt zu haben. Auch wenn nicht flächendeckend getestet wird, führen einige Firmen und Hilfsorganisationen Tests an ihren Mitarbeitern durch und stellen dabei fest, dass 40-60% der Belegschaft irgendwann infiziert war. In Uganda nimmt man an, dass Hunderttausende von Impfdosen entsorgt werden mussten, weil es keine Nachfrage gab. Zugegeben, teilweise steckt Aberglauben hinter der Impfskepsis. Aber viele (und ich rede hier zum Beispiel über Steuerberater bei den internationalen Big Four Firmen oder angesehene Architekten) sehen einfach den Nutzen einer Impfung nicht. Der verheerende Effekt der Corona Auflagen auf den Lebensunterhalt, die Ernährung und die allgemeine Gesundheit von vielen ist dagegen offensichtlich.

MakaPads Team-Meeting in Kapala

Europa hat die richtige Antwort auf Corona weitestgehend gefunden und ich unterstütze Maßnahmen wie die Impfkampagne und Ausgangsbeschränkungen, wenn Inzidenzen in die Höhe schießen. Aber wir müssen uns auch klar machen, was Lockdowns und Isolierung für die meisten Afrikanischen Länder bedeuten. Wirklich isolieren können sich nur die reichsten zehn Prozent mit eigenen Häusern oder Wohnungen, in die sie sich zurückziehen können. In einem Slum oder Township ist Selbst-Isolierung unmöglich. Ausgangsbeschränkungen nehmen den Myriaden von Straßenhändlern, Motorradtaxifahrern und Tagelöhnern jegliche Aussichten auf ein Einkommen. So grassieren Armut und Hunger wieder in den meisten Ländern südlich der Sahara. Paradoxerweise hat der Fokus auf Corona ähnlich verheerende Auswirkungen auf andere Krankheiten: So wird eine Verdopplung der ohnehin schon viel zu hohen 400.000 Malaria-Tode pro Jahrvorhergesagt, weil Corona-Einschränkungen die Gesundheitsversorgung in abgelegenen Gebieten schwierig bis unmöglich gemacht haben.

Einfachste Präventionsmaßnahmen wie das Nutzen von Moskitonetzen können nicht mehr durchgesetzt werden. In meinen Augen steckt hinter dem vordergründig moralischen Plädoyer für eine gerechte Impfstoffverteilung letztlich doch ein Eigennutzen des globalen Nordens. Es ist getrieben von der Angst vor der Einführung „Afrikanischer Mutanten“ nach Europa. Hier wird ein Muster erkennbar: Selten setzt sich die erste Welt mit Leidenschaft für Maßnahmen ein, die Afrika wirklich helfen würden, ohne dabei eigene Ziele zu verfolgen. Zum Beispiel in der medizinischen Forschung: Eine wirksame Behandlung von Aids wurde erst entwickelt, als die Krankheit sich in Europa und Nordamerika ausgebreitet hatte. Entwicklungshilfe-Budgets wurden erhöht, als die Flüchtlingswellen unsere Lebensweise bedrohten. Wir fordern mehr Impfungen in Afrika aus Angst vor möglichen Mutanten. Wenn wir wirklich das Beste für Afrika wollten, würden wir uns auf die größten Probleme und die größten Chancen des Kontinents konzentrieren – nicht unsere. So gibt es endlich einen Impfstoff gegen Malaria. Hierfür sollte es einen weltweite Impfkampagne geben – eine ideale Gelegenheit, ärmeren Ländern unter die Arme zu greifen. Hierfür sollte es einen weltweite Impfkampagne geben – eine ideale Gelegenheit, ärmeren Ländern unter die Arme zu greifen. Wir sollten die Europa-zentrische Sicht auf Corona aufgeben und uns mehr auf die Lösung der wirklichen Probleme in Afrika konzentrieren: die Prävention und Behandlung der fataleren Krankheiten. Malaria ist die offensichtlichste, andere sind ähnlich verheerend: Selbst auf der Höhe der zweiten Welle in Südafrika lagen die Zahlen der Corona-Toten weit unter denen, die an der häufigsten Todesursache Tuberkulose starben. Wenn die Gegenmittel mehr Opfer fordern als die Krankheit selbst, sollten diese Mittel überdacht werden. Anstatt uns auf Impfzahlen zu fixieren, sollten wir Unternehmen aufbauen und damit den Menschen Jobs und Einkommen sichern, die durch die Pandemie alles verloren haben.

Über Till Wahnbaeck

Till Wahnbaeck
Ex-CEO der Welthungerhilfe und Geschäftsführer in der Privatwirtschaft, Verfechter von Innovation. Till führte sowohl gewinnorientierte Unternehmen als auch gemeinnützige Organisationen und war stets bemüht, die Kluft zwischen sozialem und privatem Sektor zu überbrücken. Als globaler CEO der Welthungerhilfe setzte er sich für Innovation und Wirkung ein. Zuvor entwickelte er als Marketing-, Vertriebs- und Innovationsdirektor für das Konsumgüterunternehmen Procter & Gamble Innovationsmethoden und -prozesse.

Abonniere unseren Newsletter!

Spende mit Wirkung

Eine Spende an Impacc ist von entscheidender Bedeutung, da sie Start-ups mit großem Potenzial dabei unterstützt, positive Auswirkungen zu erzielen, nachhaltiges Wachstum zu fördern und zum gesellschaftlichen und ökologischen Wohlergehen beizutragen. Die Spenden gehen zu 100 % an die Start-ups.

Teile dies auf:

Ähnliche Artikel

Join the Team: Head of Comms
SMS-Dienst umgeht Mittelsmänner
Unsere Wirkungsmessung nimmt Formen an